Das Käsologische Institut Mehil Steinhirn präsentiert
Die Erfindung des Emmentalers
Von Karl Kilian
 
   
 
     
 
Seinerzeit waren die Eidgenossen natürlich auch nicht so niedlich, lieb und nett, wie sie uns heute oftmals erscheinen. Aber im Gegensatz zu den Neandertalern standen es sich die Emmentaler extrem auf Milch und Milchprodukte. Die Butter hatten sie längst erfunden, auch wenn sie damals noch – wie auch heute noch in manchen Teilen des deutschsprachigen Raumes üblich – der Butter sagten. So saß Emmentaler neben Emmentalerin in der Urhöhle, diskutierten das Höhlengleichnis und fanden es völlig daneben, da es so gar nichts mit ihrer täglich erlebten Realität zu tun hatte und die Emmentalerin sagte zum Emmentaler: „Gib mir bitte den Butter herüber!“ Man sieht auf dieser Dokumentaraufzeichnung auch schon einen Hang zur Höflichkeit, die sich bei den Neandertalern so nicht manifestierte. Trotzdem war der Butter damals noch männlich und das Wüsteste: Die Emmentaler hatten ihren Käse noch nicht erfunden. Stell sich das einer vor: Das Emmental, die Emmentaler und Emmentalerinnen und kein Emmentaler?
Genosse Gliederich hatte nun eines Tages eine Eingebung, er sagte zu seiner Frau „Seenerinn, geh her do!“ und sie machten ein Kind. Während sie sich urstöhnend austobten hatte Gliederichs kleiner Bruder, Schnabelfurz eine andere Idee: Er könnte etwas großes für die Welt tun, da er selber leider so kleinwüchsig war! Schon bei seiner Geburt war er ein schmächtiger Wicht mit einer viel zu großen Nase, deshalb nannten sie ihn sogleich Schnabelfurz. Trotzdem oder gerade deswegen hatte er ein Problem mit seinem Namen, mit seinem Leben und mit seinem Sein. Nur mit Gabriele aus dem Nachbardorf hatte er kein Problem, die sommersprossige Gabriele mochte ihn auf ihre etwas absonderliche Art. Er mochte sie auch obwohl sie schlecht roch. Früher hatte sie eine Liaison mit Gliederich, aber das würde uns an dieser Stelle zu weit führen.
Nun also wollte Schnabelfurz großes! Leider gab es damals keine dicken Autos, nur wenige Phallussymbole und schon gar keinen Bundeskanzlerposten. Was sollte er da tun? Der Oberemmentaler war ein alter Knacker, da konnte und wollte er nicht mit, denn Schnabelfurz war jung und dynamisch, in unserer Zeit ginge er sicher in die Politik.
 

Damals war das leider nicht möglich, Schnabelfurz war unglücklich, bis die schlechtriechende Gabriele zu ihm sagte: „Nunu mach doch wax!“ Wie man sofort merkt, roch Gabriele nicht nur scheißlich, sondern hatte auch noch einen Sprachfehler: Sie konnte kein s sprechen, es wurde bei ihr immer ein x. Manche fanden das charmant, andere abstoßend. Schnabelfurz war es egal, ihm war das noch nicht einmal aufgefallen, er war nicht der Schlaueren einer. Aber einerlei, auf alle Fälle sagte Gabriele zu ihm: „Nunu mach doch wax!“ und der Jüngling verstand natürlich Wachs, denn das sagte Gabriele irgendwie ja auch und Schabelfurz sah ihre Ansage als Aufforderung, Kerzenzieher zu werden. Wie das zu bewerkstelligen sei, war ihm nicht so ganz klar, aber er hatte ja Zuhause eine Kuh, Schwester Mechthild geheißen, mit der konnte er das ja mal in Ruhe beratschlagen.

Abends im Stall gab natürlich die mächtige, weil tragende, Schwester Mechthild keinen Ratschlag, sie war viel zu sehr mit trächtigsein beschäftigt, der Vater war übrigens der auswertige Bulle Guraz, dafür gab sie literweise Milch. Diese Milch von Schwester Mechthild spritzte aber vielerteils neben den Auffangbehälter. Das überforderte das primitive Gehirn von Schnabelfurz, sabbernd begann er seine Zunge zwischen die wülstigen Lippen zu schieben und daran herumzukauen. Begleitet war dieses Schauspiel von einem starren, verwirrten Blick der stumpfsinnig in die Milchpfütze stierte. „Nunu!“ entfuhr es ihm in einem Anfall von Emotion, seine Hand zwischen seinen Beinen spielend und hatte die Idee, das er aus Milch Wachs produzieren könnte! „Tolltoll!“, murmelte er und begann wie ein Begnadeter zu experimentieren. Und siehe da: Nach einiger Zeit der diversesten Versuche hatte er es: Eine feste Masse, nur brennen wollte sie nicht so gut, dafür stank sie deftig, das erinnerte ihn an Gabriele, das mochte er. Wie aber dann allmählich das Futter zur Neige ging dachte er sich „Nunu!“ und biss in die gelbe Masse die er da produziert hatte und potzblitz: Das schmeckte schweinereimäßig gut. Sofort ging er in den Stall, klopfte Schwester Mechthild auf die Schultern und sagte

oftmals: „Pfoooh!“ und „Nunutolltoll!“ und freute sich. Das war wirklich ein grandioses Teil geworden und am nächsten Morgen lief er sofort zum Oberemmentaler und zeigte ihm seine Erfindung, nunute ein bisschen herum und gab dem Oberemmentaler mit den Worten „Käs! Käs!“ eine Scheibe seiner Erfindung. Eigentlich wollte Schnabelfurz „Iss! Iss!“ sagen, nur hatte Schnabelfurz einen noch größeren Sprachfehler als Gabriele, deshalb kam nur „Käs! Käs!“ raus. Der Oberemmentaler verstand ihn dennoch und begann zuerst vorsichtig, dann immer begeistertet zu essen. Das Leuchten in den Augen des Oberemmentalers freute Schnabelfurz und er sagte sich: Ich habe es geschafft! Ich bin also jetzt offensichtlich Futtererfinder, also ein ganzer toller Kerl!
Doch da geschah es: Der Oberemmentaler biss auf ein Loch im Käse! Durch den fehlenden Beißwiederstand schlugen die Kiefer des Oberemmentalers mit solcher Wucht aufeinander, dass einige seiner Zähne brachen und er aufschreiend das gelbe Teil von sich warf. Voller Zorn warf er sich auf Schnabelfurz und richtete ihm „die Waden vorwärts“ wie man so schön sagt, denn wie bereits eingangs erwähnt waren seinerzeit die Eidgenossen natürlich auch nicht so niedlich, lieb und nett, wie sie uns heute oftmals erscheinen. Der Oberemmentaler war dermaßen zornig, dass er den armen Schnabelfurz hinauswerfen ließ und dieser völlig geknickt, hängenden Kopfes seiner Wege ging und das Emmental verließ und ein Drautaler wurde. Dort erfand er dann auch den Drautalerkäse und wurde ob dieses kulturellen Meilensteins einer der angesehensten Urmenschen im Drautal, obwohl er ein Fremdling und noch dazu häßlich war. Ebenso wurde seine Frau, die stinkende Gabriele bei allen annerkannt, den die Drautalerkultur war der Emmentalerschen weit voraus, der Butter hieß dort auch bereits die Butter.
Aber wenden wir unseren Blick zurück ins rückständige Emmental:
Schnabelfurz war hier völlig vergessen und auch, wie man Käse produziert. So kam es, dass der Emmentaler nie erfunden wurde, und jetzt alle Drautaler essen. Sogar die Emmentaler und Emmentaler essen Drautaler, was sollten sie auch sonst tun?